Selbstliebe ohne Zwang: Warum Neutralität der erste Schritt ist

Viele wissen, dass Selbstliebe wichtig ist und trotzdem fühlt sich dieser Begriff für sie schwer an. In diesem Artikel geht es darum, warum Selbstliebe oft mehr Druck macht, als sie entlastet, was das mit emotionalem Essen zu tun hat und warum Neutralität für viele ein ehrlicher erster Schritt ist.

Selbstliebe begegnet mir fast täglich. In meinem eigenen Leben und in der Arbeit mit Menschen, die mit emotionalem Hunger und belastendem Essverhalten zu mir kommen. Viele wissen, dass Selbstliebe wichtig ist und trotzdem fühlt sich dieser Begriff für sie schwer an. Er klingt nach etwas, das man endlich erreichen sollte und setzt viele eher unter Druck, als dass er entlastet.

Warum der Begriff Selbstliebe oft mehr Druck als Entlastung erzeugt

Für viele fühlt sich Selbstliebe nicht sanft an, sondern wie eine weitere Aufgabe. Man soll sich mögen, sich annehmen und freundlich mit sich sein. Und wenn das nicht klappt, fühlt es sich schnell so an, als würde man schon wieder versagen. Dann wird aus etwas, das eigentlich helfen soll, plötzlich noch mehr Druck.

Auch ich konnte mit dem Begriff lange wenig anfangen. Ich wusste zwar, dass Selbstliebe als Grundlage für ein erfülltes Leben gilt und für Beziehungen wichtig ist, aber mein eigener Umgang mit mir sah anders aus. In stressigen Momenten war ich hart mit mir und wenn etwas nicht so lief, wie ich mir das vorstellte, wurde ich innerlich noch strenger. Genau in diesen Phasen wurde Essen für mich zu einer Art Ventil, den inneren Druck für einen Moment zu dämpfen und Gefühle zu betäuben.

Was emotionaler Hunger mit deiner inneren Beziehung zu tun hat

Heute weiß ich, dass emotionaler Hunger nur selten wirklich mit Essen zu tun hat. Emotionales Essen entsteht dort, wo innere Bedürfnisse übergangen werden und wo die Beziehung zu dir selbst durch Kontrolle ersetzt wird.

Essen übernimmt an dieser Stelle etwas, das in der Beziehung zu uns selbst fehlt.

Je härter der innere Ton wird, desto größer wird oft der Wunsch nach schneller Erleichterung. Essen bekommt dann eine Funktion: Es beruhigt kurz, lenkt ab und gibt für einen Moment das Gefühl von Halt. Deshalb ist die Beziehung zu dir selbst kein Nebenthema. Sie ist ein zentrales Fundament, denn ohne sie bleibt jedes neue Esskonzept oft nur ein weiterer Versuch, dich zu optimieren, statt dich wirklich zu verstehen.

Warum gut gemeinte Ratschläge oft nicht greifen

Wer nach Selbstliebe sucht, stößt schnell auf Sätze wie Sei gut zu dir oder Begegne dir mit mehr Akzeptanz. Diese Sätze sind gut gemeint, für viele bleiben sie aber zu vage. Sie sagen wenig darüber, wie sich dieser innere Umgang im Alltag anfühlen soll. Vor allem dann, wenn alte Muster anspringen und der innere Druck steigt.

Was ich in meiner eigenen Geschichte und in der Arbeit mit anderen immer wieder sehe, ist, dass Selbstliebe nichts Einheitliches ist. Es gibt dafür kein fertiges Modell, das man nur übernehmen muss. Was für dich stimmig ist, hat mit deinen Erfahrungen zu tun und damit, wie dein System auf die Welt reagiert. Für manche heißt, gut mit sich umzugehen, eher Ruhe und Rückzug. Für andere heißt es Nähe und Austausch. Beides kann richtig sein, wenn es sich für dich wirklich passend anfühlt.

Wenn Selbstliebe zu groß ist kann Neutralität der Anfang sein

Für viele Menschen ist der Gedanke an Selbstliebe im Moment zu weit weg, zu groß und zu überfordernd und das ist in Ordnung. Manchmal reicht es erst einmal, den Druck rauszunehmen und den Anspruch loszulassen, sich jetzt schon lieben zu müssen.

Ein realistischer erster Schritt ist Neutralität. Das bedeutet, aufzuhören, sich aktiv zu bekämpfen, sich innerlich zu beschimpfen oder ständig zu bewerten. Es heißt, sich sachlicher und fairer zu behandeln, auch dann, wenn es sich noch nicht gut anfühlt.

Neutralität heißt nicht, dass alles gut ist. Sie heißt, dass man sich selbst nicht zusätzlich schadet und aufhört, Öl ins Feuer zu gießen, sodass das Nervensystem entlastet wird und das innere System zum ersten Mal wieder etwas Raum bekommt.

Gerade im Zusammenhang mit emotionalem Essen ist das ein wichtiger Wendepunkt. Viele erleben nach dem Essen Schuld oder Scham und reagieren darauf mit noch mehr innerem Druck, doch genau dieser Druck hält den Kreislauf oft aufrecht. Das Nervensystem bleibt im Stress, der Wunsch nach Regulation wird immer größer und Essen ist die naheliegende Strategie.

Woran du eine heilsamere Beziehung zu dir selbst erkennst

Der entscheidende Punkt ist nicht, was du tust. Entscheidend ist, wie du innerlich mit dir in Beziehung bist, während du es tust. Eine heilsamere Selbstbeziehung zeigt sich nicht in perfekten Routinen. Sie zeigt sich darin, ob du dich ernst nimmst, dich spürst und dir auch dann mit Respekt begegnest, wenn es gerade nicht leicht ist.

Selbstliebe heißt hier nicht, alles gut zu finden. Sie zeigt sich darin, ehrlich hinzuschauen, ohne dich innerlich dafür fertigzumachen, Verantwortung zu übernehmen, ohne dich selbst zu bekämpfen und manchmal zuerst neutral zu werden, statt weiter im inneren Kampf zu bleiben.

Drei Fragen die dir Orientierung geben können

Wenn du für dich herausfinden möchtest, wo du gerade stehst und was dein nächster realistischer Schritt sein kann, dann können dir diese drei Fragen helfen.

Wie fühlt sich Sicherheit oder Verbundenheit für dich an?

Denk an einen Moment, in dem du dich ruhig oder getragen gefühlt hast. Spür nach, wie sich das in deinem Körper anfühlt. Und dann frage dich, ob dein alltäglicher Umgang mit dir selbst diesem Gefühl eher näherkommt oder eher davon wegführt.

Ist dein innerer Umgang an Bedingungen geknüpft?

Viele innere Sätze klingen wie Ich bin okay aber … oder Ich bin erst zufrieden, wenn … . Damit wird der eigene Wert an Leistung, Aussehen, Gewicht oder bestimmte Lebensumstände gebunden. Eine heilsamere Haltung beginnt dort, wo du dich als Mensch nicht infrage stellst, auch wenn du Dinge verändern möchtest.

Bist du mit dir eher im Kampf oder pflegst du eine Beziehung zu dir?

Achte darauf, wie du mit dir sprichst, wenn etwas nicht klappt und wie du mit dir umgehst, wenn du erschöpft oder überfordert bist. Genau dort zeigt sich oft sehr klar, ob du dich unterstützt oder unter Druck setzt.

Ein realistischer Weg aus emotionalem Hunger

Selbstliebe ist kein Ziel, das man erreicht und dann abhakt. Sie ist eine Beziehung, die sich im Alltag immer wieder neu zeigt und die Zeit, Ehrlichkeit und Mitgefühl braucht. Und manchmal beginnt sie nicht mit Liebe, sondern mit dem Entschluss, dich nicht länger gegen dich selbst zu stellen.

Wenn Essen für dich oft eine Antwort auf innere Spannungen, Gefühle oder Überforderung ist, dann ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Signal deines Systems. Ein Signal, dass etwas in dir nach Regulation und nach Kontakt sucht. Genau hier setzt die Arbeit mit emotionalem Hunger an. Nicht mit noch mehr Disziplin, sondern mit einer anderen Art von Beziehung zu dir selbst. Schritt für Schritt, realistisch und oft zuerst mit Neutralität.

Mini-Praxisanker als ersten kleinen Schritt in Richtung Neutralität:

Beim nächsten Mal, wenn du nach dem Essen merkst, dass der innere Druck oder die Selbstkritik hochgeht, versuch nicht, dich zu beruhigen oder positiv zu denken. Nimm dir stattdessen einen Moment und formuliere innerlich einen einzigen neutralen Satz über dich und die Situation, zum Beispiel: „Ich habe gerade gegessen, weil es mir nicht gut ging.“ Nicht mehr. Keine Bewertung, kein Aber und kein Plan, es besser zu machen. Nur eine nüchterne Beschreibung dessen, was ist.

Das wirkt unscheinbar, aber genau hier beginnt Neutralität. Und genau hier beginnt oft auch eine andere Beziehung zu dir selbst. Nicht mit Liebe oder Disziplin, sondern mit dem Entschluss, dich in diesem Moment nicht weiter gegen dich zu stellen.

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