Drunkorexia: Warum du Essen durch Alkohol ersetzt

Alkohol wird oft als Genussmittel gesehen, übernimmt aber für viele Menschen eine regulierende Funktion. In diesem Artikel geht es darum, was hinter Drunkorexia im Zusammenhang mit Alkohol und Essverhalten steckt. Im Mittelpunkt steht die Frage, was eigentlich passiert, wenn Alkohol genutzt wird, um innere Zustände zu verändern.

Wenn über Alkohol gesprochen wird, geht es meist um Genuss, um Geselligkeit oder darum, dass man eben auch mal loslassen will. Sehr viel seltener geht es um die Frage, welche Funktion Alkohol innerlich eigentlich erfüllt. Genau das ist aber der Punkt, an dem das Thema für mich spannend wird. Denn Alkohol ist für viele Menschen nicht einfach nur ein Getränk.

Er verändert Zustände, indem er uns dämpft und enthemmt. Gleichzeitig kann er uns beruhigen und uns dabei helfen, Abstand zu dem zu gewinnen, was im Inneren gerade schwer auszuhalten ist. Und genau darin liegt seine Nähe zu emotionalem Essen.

Wenn du diesen Zusammenhang einmal wirklich ernst nimmst, wird schnell deutlich, warum Alkohol und emotionaler Hunger so häufig miteinander verknüpft sind. Es geht nicht nur darum, was du trinkst oder wie viel, sondern darum, wofür du Alkohol tatsächlich nutzt.

Was mit „Drunkorexia“ eigentlich gemeint ist

Der Begriff „Drunkorexia“ beschreibt klassisch ein Verhalten, bei dem Mahlzeiten bewusst ausgelassen werden, um Kalorien für Alkohol einzusparen. Es geht also darum, mehr trinken zu können, ohne dabei zuzunehmen.

Im Kontext von emotionalem Hunger zeigt sich jedoch eine andere Dynamik. Hier geht es oft nicht in erster Linie darum, Kalorien „aufzusparen“, sondern darum, die Wirkung von Alkohol zu nutzen.

Alkohol dämpft zunächst das Hungergefühl, der innere Food Noise wird leiser und es entsteht ein Gefühl von Entlastung.

Genau das macht ihn für viele Menschen, die emotional essen, so attraktiv.

Wichtig ist dabei zu verstehen: Dieser Effekt entsteht nicht, weil Hunger tatsächlich verschwindet, sondern weil sich die Wahrnehmung verändert. Alkohol wirkt dämpfend auf das Nervensystem, reduziert innere Anspannung und schwächt die Verbindung zum eigenen Körper. Signale wie physischer Hunger werden dadurch weniger deutlich gespürt.

Das Auslassen von Mahlzeiten und die Wirkung von Alkohol greifen dabei ineinander. Der Körper wird leerer und gleichzeitig weniger spürbar. Auch wenn es sich so anfühlt: Der Hunger ist noch da, du spürst ihn nur nicht mehr.

Damit verschiebt sich auch, worum es eigentlich geht. Es geht nicht mehr nur darum, weniger zu essen oder Kalorien zu kontrollieren, sondern darum, den eigenen Zustand zu verändern. Alkohol wird genutzt, um Hunger nicht zu spüren, um inneren Druck zu dämpfen oder um dieses Gefühl von Leichtigkeit aufrechtzuerhalten.

Drunkorexia ist damit ein Muster, in dem Alkohol und Essensrestriktion gemeinsam dazu genutzt werden, sich selbst weniger wahrzunehmen.

Warum es so oft in Essanfällen endet

Alkohol liefert keine echte Sättigung. Er enthält Energie, aber keine Nährstoffe, die den Körper wirklich versorgen. Gleichzeitig beeinflusst er die Prozesse, die normalerweise für Regulation und Einschätzung zuständig sind.

Wenn du zusätzlich wenig oder nichts gegessen hast, entsteht ein Defizit, denn dein Körper braucht nach wie vor Energie. Gleichzeitig sinkt durch den Alkohol die Hemmschwelle. Was sich zunächst wie Kontrolle anfühlt, kippt oft genau an diesem Punkt. Es endet in einem Essanfall. Nicht, weil du versagt hast, sondern weil dein System reagiert.

Der Körper holt sich, was ihm fehlt und versucht gleichzeitig, sich emotional zu regulieren. Wenn emotionales Essen ohnehin eine Rolle spielt, verstärkt sich dieser Effekt.

Was danach oft als Kontrollverlust bewertet wird, ist in Wirklichkeit eine nachvollziehbare Dynamik. Der Körper wurde nicht ausreichend versorgt und gleichzeitig wurde ein Zustand erzeugt, in dem Wahrnehmung und Regulation eingeschränkt sind. Irgendwann kippt dieses System, weil dein Körper versucht, wieder in ein Gleichgewicht zu kommen.

Meine eigene Erfahrung mit Alkohol und Essverhalten

Ich habe dieses Muster selbst über Jahre hinweg erlebt. Mahlzeiten auszulassen, um abends trinken zu können, hat sich zunächst leicht angefühlt. Alkohol lag nicht schwer im Magen, dämpfte den Hunger und vermittelte ein Gefühl von Kontrolle. Dieser Zustand hielt nie lange an, denn mit jedem Drink wurde die Verbindung zu meinem Körper schwächer, während das Bedürfnis nach Essen stärker wurde. Irgendwann ist es dann immer gekippt.

Ich habe Situationen verlassen, ohne mich zu verabschieden, nur um irgendwo noch etwas zu essen.

Es spielte keine Rolle, was es war. Hauptsache schnell und viel. Rückblickend endete nahezu jeder Abend nach diesem Schema. Was ich damals als persönliches Scheitern bewertet habe, war eine logische Reaktion meines Systems.

Was wirklich etwas verändert hat

Der Wendepunkt lag nicht darin, mein Essverhalten stärker zu kontrollieren. Im Gegenteil. Es wurde erst anders, als ich begonnen habe, den Alkohol aus dieser Dynamik herauszunehmen. Nicht dauerhaft und nicht aus einem neuen Zwang heraus, sondern bewusst und für einen begrenzten Zeitraum.

Dadurch wurde wieder spürbar, was zuvor überdeckt war. Hunger war wieder als körperliches Signal wahrnehmbar. Innere Zustände wurden klarer und damit wurde auch sichtbar, worum es eigentlich geht.

Wenn Alkohol diese Funktion übernimmt, lohnt es sich, genau dort anzusetzen. Nicht im Sinne eines pauschalen Verzichts, sondern als Möglichkeit, die eigene Wahrnehmung wieder zu schärfen. Schon ein begrenzter Zeitraum kann ausreichen, um zu sehen, was sich verändert, wenn diese Form der Dämpfung wegfällt.

Ein anderer Umgang mit Alkohol

Mit der Zeit verändert sich dadurch auch der Umgang mit Alkohol. Es wird klarer, in welchen Situationen Alkohol tatsächlich mit Genuss verbunden ist und wann er eher eine regulierende Funktion übernimmt. Genau da liegt der Unterschied, nicht in Kontrolle, sondern im Verständnis.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der körperliche Zustand, in dem Alkohol konsumiert wird. Auf nüchternen Magen verstärken sich die beschriebenen Effekte deutlich. Die Dämpfung setzt schneller ein und gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich später ein starkes Bedürfnis nach Nahrung entwickelt. Eine ausreichende Versorgung verändert diese Dynamik spürbar.

Worum es eigentlich geht

Am Ende geht es auch hier nicht primär um das Verhalten, sondern um die Funktion, die dieses Verhalten erfüllt. Solange Alkohol genutzt wird, um Hunger zu unterdrücken, innere Anspannung zu regulieren oder unangenehme Zustände zu vermeiden, bleibt die Dynamik bestehen.

In dem Moment, in dem du verstehst, was bei dir passiert, verändert sich etwas.

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