Ich habe lange geglaubt, dass ich mein emotionales Essen einfach nur besser verstehen muss. Wenn ich erst einmal herausfinde, warum ich esse, obwohl ich keinen körperlichen Hunger habe, müsste ich schließlich auch in der Lage sein, damit aufzuhören. Ganz so einfach war es dann leider nicht.
Denn irgendwann wusste ich ziemlich genau, wann ich emotional esse, welche Situationen mich triggern und welche Gefühle dabei eine Rolle spielen. Trotzdem hatte Essen weiterhin eine enorme Bedeutung in meinem Leben. Und genau das hat mich irgendwann zu einer anderen Frage gebracht: Was gibt mir das Essen eigentlich, das ich an anderer Stelle offenbar nicht bekomme?
Diese Frage hat meinen Blick auf emotionales Essen grundlegend verändert. Denn wir beschäftigen uns wahnsinnig häufig damit, warum wir essen und wie wir endlich damit aufhören können.
Um emotionales Essen zu verstehen, müssen wir auch verstehen, welche Funktion das Essen in unserem Leben übernommen hat.
Essen kann schließlich wesentlich mehr, als unseren Körper mit Energie zu versorgen. Es kann einen langweiligen Tag aufregender machen, uns etwas geben, worauf wir uns freuen, nach einer anstrengenden Woche zur Belohnung werden oder für einen Moment ein Gefühl von Geborgenheit erzeugen.
Und genau hier wird es interessant. Denn je mehr Aufgaben Essen in deinem Leben übernimmt, desto schwieriger wird es auch, dein Essverhalten isoliert zu verändern.
In meinem Artikel „Emotionaler Hunger: Wenn du isst, ohne wirklich Hunger zu haben“ habe ich bereits ausführlich darüber geschrieben, wie du emotionalen Hunger erkennst und welche Ursachen dahinterstecken können. Hier möchte ich deshalb an einem anderen Punkt ansetzen: bei der Frage, welche Funktion Essen in deinem Leben übernommen hat und warum genau das eine Veränderung deines Essverhaltens so schwierig machen kann.
Was gibt dir das Essen?
Wenn wir unser Essverhalten verändern möchten, beschäftigen wir uns häufig zuerst damit, was wir anders machen müssen. Wir wollen weniger naschen, den nächsten Essanfall verhindern oder endlich aufhören, ständig über Essen nachzudenken.
Dabei kann es wesentlich aufschlussreicher sein, das eigene Verhalten zunächst einmal gar nicht verändern zu wollen und genauer zu beobachten, was durch das Essen eigentlich passiert.
Nehmen wir an, du freust dich morgens schon darauf, was du dir am Abend kochen wirst. Während der Arbeit überlegst du, was du noch einkaufen könntest und auf dem Heimweg entscheidest du dich, zusätzlich dein Lieblingsdessert mitzunehmen. Das Essen findet zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht statt und trotzdem erfüllt es bereits eine Funktion: Es erzeugt Vorfreude.
Ähnlich verhält es sich, wenn du dich nach einer anstrengenden Woche regelmäßig mit etwas Besonderem zu essen belohnst. Die Mahlzeit ist dann längst nicht mehr nur Nahrung. Sie markiert den Moment, an dem du dir endlich etwas gönnst, nachdem du die gesamte Woche funktioniert und deine Verpflichtungen abgearbeitet hast.
Essen kann uns auf diese Weise beschäftigen, belohnen, trösten oder Geborgenheit vermitteln. Und je nachdem, welche Erfahrungen wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben, können ganz unterschiedliche Verknüpfungen entstehen.
Wenn Essen immer mehr Aufgaben übernimmt
Dass Essen eine emotionale Bedeutung hat, ist erst einmal überhaupt nichts Ungewöhnliches. Wir essen gemeinsam mit anderen Menschen, feiern mit Essen und verbinden bestimmte Gerichte mit Urlauben, unserer Kindheit oder besonderen Personen. Ein Geburtstagskuchen verliert schließlich nicht plötzlich seine Berechtigung, nur weil du vorher bereits zu Mittag gegessen hast.
Problematisch wird es erst dann, wenn Essen im Laufe der Zeit immer mehr Aufgaben übernimmt und gleichzeitig nur wenige andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, diese Bedürfnisse zu erfüllen.
Wenn Essen beispielsweise deine zuverlässigste Quelle für Belohnung geworden ist, nimmst du dir beim Versuch, weniger emotional zu essen, wesentlich mehr weg als das eigentliche Lebensmittel. Du nimmst dir möglicherweise den einen Moment am Tag, an dem du dir etwas gönnst. Ähnlich sieht es aus, wenn Essen für Vorfreude, Trost oder Geborgenheit sorgt.
Genau das kann erklären, warum manche Veränderungen theoretisch wahnsinnig einfach erscheinen und sich in der Realität trotzdem so schwer umsetzen lassen. Wenn Nahrung in bestimmten Situationen seit Jahren eine wichtige Aufgabe erfüllt, verschwindet diese Aufgabe nicht automatisch mit der Entscheidung, dort künftig nichts mehr zu essen.
Die Frage nach der Funktion führt uns deshalb näher an das heran, was wir über dieses Verhalten eigentlich für uns zu erreichen versuchen.
Emotionales Essen aus einer anderen Perspektive betrachten
In meiner eigenen Arbeit hat ein Modell aus der Yoga-Philosophie meinen Blick auf emotionales Essen stark verändert: das Modell der fünf Koshas.
Die Koshas beschreiben fünf verschiedene Ebenen unseres Seins. Dazu gehören die körperliche, energetische, mental-emotionale, intuitive und spirituelle Ebene. Diese Ebenen beeinflussen sich gegenseitig und tragen gemeinsam dazu bei, wie wir uns fühlen und unser Leben wahrnehmen.
Für die Arbeit mit emotionalem Essen finde ich dieses Modell deshalb so spannend, weil Bedürfnisse auf ganz unterschiedlichen Ebenen entstehen können. Sobald wir das Wort Hunger hören, denken wir allerdings meist zuerst an Nahrung.
Dabei können wir auch nach Ruhe, Energie, Nähe, Zugehörigkeit, Freiheit, Lebendigkeit oder Sinnhaftigkeit hungern. Auch ein Mangel auf diesen Ebenen kann sich unangenehm anfühlen und in uns das Bedürfnis auslösen, diesen Zustand möglichst schnell zu verändern.
Essen eignet sich dafür erstaunlich gut. Es ist fast immer verfügbar, gesellschaftlich vollkommen akzeptiert und kann innerhalb kürzester Zeit verändern, wie wir uns körperlich und emotional fühlen. So kann Nahrung im Laufe der Zeit zur Antwort auf ganz unterschiedliche Formen von Hunger werden, obwohl der ursprüngliche Mangel möglicherweise an einer ganz anderen Stelle entstanden ist.
In meinem E-Book gehe ich wesentlich ausführlicher auf die fünf Koshas ein und zeige dir anhand konkreter Übungen, wie du dieses Modell nutzen kannst, um deine eigenen Bedürfnisse und dein Essverhalten aus einer ganzheitlicheren Perspektive zu betrachten. Hier möchte ich dir zunächst einen Überblick geben.
Auf welcher Ebene versuchst du dich mit Essen zu nähren?
Die körperliche Ebene
Auf der körperlichen Ebene sind unsere Bedürfnisse meist noch relativ leicht greifbar. Unser Körper benötigt ausreichend Nahrung, Schlaf, Bewegung und Regeneration. Gerade wenn du dich schon länger intensiv mit deinem Essverhalten beschäftigst, kann es allerdings passieren, dass du selbst ganz normalen körperlichen Hunger irgendwann als problematisch interpretierst. Jeder stärkere Essimpuls wird analysiert und plötzlich steht die Frage im Raum, welches emotionale Thema sich wohl dahinter verbirgt, obwohl dein Körper schlichtweg mehr Energie benötigt.
Genau deshalb bildet die körperliche Versorgung auch in meiner Arbeit die Grundlage. Ein Körper, der nicht ausreichend genährt wird, wird sich bemerkbar machen. Je stärker wir versuchen, seine Signale zu kontrollieren, desto schwieriger kann es irgendwann werden, zwischen körperlichem Hunger und anderen Essimpulsen zu unterscheiden. Wenn du dir unsicher bist, wie sich beide Formen voneinander unterscheiden, gehe ich darauf ausführlicher in diesem Artikel ein.
Die energetische Ebene
Auf der energetischen Ebene wird es bereits etwas komplexer. Denn ausreichend zu essen bedeutet nicht automatisch, dass wir auch ausreichend Energie zur Verfügung haben. Wenn du permanent über deine eigenen Grenzen gehst, kaum Pausen machst und deine Energie schneller verbrauchst, als du sie wieder auffüllst, entsteht ebenfalls ein Mangel. Essen kann diesen Zustand kurzfristig verändern und dadurch eine Aufgabe übernehmen, die über die reine Energiezufuhr hinausgeht.
Die mental-emotionale Ebene
Noch deutlicher wird das auf der mental-emotionalen Ebene. Hier spielen unsere Gefühle, Gedanken und all die Erfahrungen eine Rolle, die unser Essverhalten über viele Jahre geprägt haben. Vielleicht hast du schon früh gelernt, dass Essen tröstet, beruhigt, belohnt oder ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Solche Verknüpfungen verschwinden nicht einfach, nur weil du heute weißt, dass hinter einem starken Essdrang nicht zwangsläufig körperlicher Hunger stecken muss. Dein System hat gelernt, dass Essen in bestimmten Situationen etwas für dich tun kann und greift deshalb auch später immer wieder darauf zurück.
Die intuitive Ebene
Auf der intuitiven Ebene geht es um die Verbindung zu unserer eigenen inneren Wahrheit und darum, wie sehr wir dieser im Alltag noch vertrauen. Oft haben wir ein gutes Gespür dafür, was uns guttut, was wir brauchen oder in welche Richtung es uns eigentlich zieht. Gleichzeitig lernen wir früh, uns an äußeren Vorstellungen und Erwartungen zu orientieren und die eigene innere Stimme dabei immer weniger ernst zu nehmen.
Je weniger wir dieser inneren Stimme vertrauen, desto schwieriger kann es werden, überhaupt noch wahrzunehmen, was wir gerade brauchen. Wir orientieren uns stärker im Außen, übergehen eigene Grenzen oder merken erst sehr spät, dass uns etwas fehlt. Essen kann dann eine schnelle und vertraute Antwort auf ein Bedürfnis werden, das wir selbst noch gar nicht richtig greifen können.
Die spirituelle Ebene
Auf der spirituellen Ebene geht es schließlich um einen Bereich, der im Zusammenhang mit emotionalem Essen vergleichsweise selten betrachtet wird: die Frage, wie verbunden und erfüllt wir uns in unserem eigenen Leben fühlen. Du kannst einen guten Job haben, in einer Beziehung leben, Freundschaften pflegen und auf dem Papier all die Dinge besitzen, von denen du einmal dachtest, dass sie dich glücklich machen würden. Trotzdem kann sich dein Leben innerlich leer oder bedeutungslos anfühlen.
Essen kann dann die Funktion übernehmen, zumindest für einen Moment ein Gefühl von Fülle zu erzeugen, das wir uns eigentlich auf einer ganz anderen Ebene wünschen.
Genau diese Form von Leere kenne ich aus meinem eigenen Leben sehr gut. Lange Zeit habe ich versucht, über Essen etwas zu füllen, das mit Nahrung überhaupt nichts zu tun hatte. Erst als ich begann, auch andere Bereiche meines Lebens ernsthaft zu hinterfragen, wurde mir klar, dass mein Essverhalten teilweise nur sichtbar gemacht hatte, was an anderer Stelle schon viel länger gefehlt hatte.
Für mich gehörte dazu vor allem die Verbindung zu meinem Wesenskern und die Frage, was meinem Leben wirklich Sinn und Tiefe gibt. Je mehr ich begann, mein Leben danach auszurichten, desto deutlicher wurde mir, dass ein Teil meines Hungers nie durch Nahrung hätte gestillt werden können.
Was passiert, wenn wir einen Mangel auf der falschen Ebene stillen?
Genau an diesem Punkt wird das Modell der Koshas für emotionales Essen besonders interessant. Denn ein Bedürfnis kann auf einer vollkommen anderen Ebene entstehen als der Versuch, mit dem wir es zu stillen versuchen.
Und genau das kann erklären, warum Essen manchmal tatsächlich hilft und sich trotzdem keine wirkliche Sättigung einstellt. Es verändert für einen Moment, wie wir uns fühlen, während das ursprüngliche Bedürfnis weiterhin bestehen bleibt. Fehlt dir beispielsweise die Verbindung zu dir selbst, kann Essen diesen Mangel kurzfristig weniger spürbar machen. Die eigentliche Verbindung entsteht dadurch jedoch nicht.
Die entscheidende Frage ist deshalb, ob das Essen tatsächlich das nähren kann, wonach du auf einer anderen Ebene hungerst.
Genau hier liegt für mich der Unterschied zwischen einer Veränderung auf der Verhaltensebene und der tieferen Arbeit mit dem eigenen Essverhalten. Wenn wir ausschließlich versuchen, in bestimmten Situationen nicht mehr auf Essen zurückzugreifen, kann das eigentliche Bedürfnis dahinter vollkommen unberührt bleiben.
Emotionales Essen stoppen: Was kannst du konkret verändern?
Wenn du inzwischen besser verstehst, was dir in den Momenten fehlt, in denen Essen besonders wichtig für dich wird, beginnt der eigentlich spannende Teil: Wie kannst du anfangen, dich auch dort zu nähren, wo dieser Mangel tatsächlich entsteht?
Dabei müssen es nicht immer große Veränderungen sein. Vielleicht bemerkst du, dass dir vor allem Erholung fehlt. Dann kann die entscheidende Veränderung darin liegen, Pausen nicht erst dann zu machen, wenn du vollkommen erschöpft bist. Vielleicht fehlt dir Lebendigkeit und dein Alltag besteht fast ausschließlich aus Verpflichtungen. Dann lohnt es sich, wieder bewusst Dinge einzuplanen, auf die du dich freust. Oder du erkennst, dass du dich nach Nähe sehnst und Essen regelmäßig genau dann besonders wichtig wird, wenn du dich allein oder unverbunden fühlst.
Die wesentliche Frage verschiebt sich damit von „Wie schaffe ich es, in diesem Moment nicht zu essen?“ zu „Was kann ich in meinem Leben verändern, damit Essen diese Aufgabe nicht mehr so häufig für mich übernehmen muss?“
Dabei geht es zunächst gar nicht darum, dein Verhalten sofort zu korrigieren. Versuche stattdessen, dein emotionales Essen für eine Weile eher wie ein·e Beobachter·in zu betrachten. Wiederkehrende Situationen und Muster können dir einen ersten Hinweis darauf geben, welche Funktion das Essen übernommen hat.
Veränderung beginnt nicht zwangsläufig beim Essen
Wenn du besser verstehst, welche Aufgabe Essen in bestimmten Situationen für dich übernimmt, wird auch klarer, wo Veränderung ansetzen kann. Wenn Schokolade für dich beispielsweise eine Belohnung darstellt, kannst du natürlich überlegen, was dir nach einem langen Tag noch guttun und dieses Bedürfnis erfüllen könnte. Gleichzeitig lohnt es sich, einen Schritt weiterzugehen und dich zu fragen, warum du diese Belohnung überhaupt so dringend brauchst.
Vielleicht stellst du fest, dass du den ganzen Tag funktionierst, deine eigenen Grenzen regelmäßig übergehst oder dir kaum etwas erlaubst, das einfach nur Freude macht. Dann kann es hilfreich sein, nicht nur für eine andere Form der Belohnung zu sorgen, sondern auch den Alltag zu betrachten, aus dem dieses starke Bedürfnis nach Belohnung überhaupt entsteht.
Die Funktion des Essens kann dir damit einen Hinweis darauf geben, was du gerade brauchst und gleichzeitig darauf, wo es sich lohnt, etwas genauer hinzuschauen.
Emotionales Essen überwinden bedeutet nicht, nie wieder emotional zu essen
Auch die Vorstellung davon, wann emotionales Essen eigentlich „überwunden“ ist, finde ich wichtig. Schnell entsteht das Ziel, irgendwann ausschließlich aus körperlichem Hunger zu essen und Nahrung keinerlei emotionale Bedeutung mehr beizumessen. Das halte ich weder für realistisch noch für notwendig.
Essen gehört zu unserem sozialen und emotionalen Leben. Wir feiern mit Essen, genießen gemeinsam mit anderen Menschen und verbinden bestimmte Gerichte mit Erinnerungen. All das darf bleiben.
Für mich liegt die Veränderung vielmehr darin, dass Essen nicht mehr für eine Vielzahl an Bedürfnissen zuständig sein muss, die an anderer Stelle keinen Raum bekommen. Je besser du dich auf den unterschiedlichen Ebenen wahrnehmen und versorgen kannst, desto größer wird auch dein Handlungsspielraum.
Die Arbeit mit emotionalem Essen führt deshalb irgendwann über das eigentliche Essen hinaus. Sie führt zu der Frage, wie du deinen Körper versorgst, mit deiner Energie umgehst, deine Gefühle wahrnimmst, deiner inneren Stimme vertraust und wie verbunden du dich mit deinem Wesenskern fühlst.
Das Pancha-Kosha-Modell hat mir dafür eine Perspektive gegeben, die ich in der rein kognitiven Betrachtung meines eigenen Essverhaltens lange vermisst habe.
Fazit: Emotionales Essen im Kontext deines Lebens betrachten
Wenn Essen in unserem Leben eine bestimmte Funktion übernommen hat, gibt es dafür in aller Regel einen Grund. Genau deshalb ist es so wichtig, emotionalem Essen nicht vorschnell mit dem Wunsch zu begegnen, es einfach loswerden zu wollen.
Es lohnt sich vielmehr, neugierig darauf zu werden, was das Essen gerade für uns tut und warum genau diese Funktion so wichtig geworden ist. Denn emotionales Essen kann uns auf etwas aufmerksam machen, das weit über den eigentlichen Akt des Essens hinausgeht. Und vielleicht liegt genau darin auch eine Chance: es als Hinweis auf etwas zu verstehen, das wir über uns selbst und unseren Umgang mit uns neu lernen dürfen.
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