Stressessen: Eine besondere Form des emotionalen Essens

Du hetzt durch deinen Alltag und landest immer wieder beim Essen? In diesem Artikel erkläre ich, warum Stressessen eine besondere Form des emotionalen Essens ist und was wirklich dahintersteckt.

Ich bin mir sicher, du kennst diese Momente: Die To-do-Liste hört nicht auf zu wachsen, der Tag war voll, oder du hattest ein schwieriges Gespräch mit jemandem, der dir wichtig ist. Und irgendwann in all dem findest du dich beim Essen wieder, ohne dass du es wirklich so geplant hast.

Dieses Muster hat einen Namen: Stressessen. Und auch wenn es zur großen Familie des emotionalen Essens gehört, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn Stressessen hat eine gesellschaftliche Dimension, die andere Formen emotionalen Essens nicht haben und ist dabei so akzeptiert, dass es kaum jemand hinterfragt.

Ist Stress überhaupt ein Gefühl?

Stress ist keine Emotion, sondern eine Reaktion des gesamten Systems. Er entsteht als Antwort auf Belastungen, die wir als Druck oder Überforderung wahrnehmen, der Körper schaltet in Alarmbereitschaft und oft kommen Gefühle wie Nervosität oder Hilflosigkeit hinzu. Kein Wunder, dass wir in solchen Momenten nach dem schnellsten Ausweg suchen.

Was Stress mit unserem Hungerempfinden macht

Was viele nicht wissen: Stress führt nicht bei allen Menschen dazu, dass sie mehr essen. Bei manchen ist es genau umgekehrt. Cortisol unterdrückt das Hungergefühl, der Körper hat in diesem Zustand schlicht andere Prioritäten und der Hunger meldet sich erst dann, wenn der Druck nachlässt. Oft passiert das abends und dann auf einmal mit voller Wucht.

Bei anderen erfolgt der Griff zum Essen direkt als Reaktion auf die Anspannung. Essen aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn, setzt Dopamin frei und sorgt für kurzfristige Entlastung. Das Gehirn lernt: Stress und Essen gehören zusammen. Und je öfter das passiert, desto automatischer wird das Ganze.

Warum Stressessen gesellschaftlich glorifiziert wird

Was Stressessen grundlegend von anderen Formen emotionalen Essens unterscheidet, ist seine gesellschaftliche Akzeptanz. Wer zugibt, aus Einsamkeit oder Trauer zu essen, bekommt Mitleid oder gut gemeinte Ratschläge. Wer sagt, dass er unter Stress isst, bekommt Zustimmung. Jeder kennt es, es ist irgendwie normal.

Stress gilt in vielen Bereichen geradezu als Statussymbol. Und wer Stress hat, dem steht etwas zu – das Glas Wein am Freitagabend, das üppige Essen am Wochenende nach einer langen Arbeitswoche, der Griff zur Schokolade nach dem schwierigen Meeting. All das hat man sich nach so viel Anstrengung „verdient“.

Diese gesellschaftliche Legitimation macht Stressessen zu einem der hartnäckigsten Muster, die es gibt.

Wer sein Verhalten nicht als Muster erkennt, sucht auch keine Lösung. Und solange das Umfeld dasselbe tut und es bestätigt, gibt es keinen Anlass zur Reflexion.

Was ich in meiner Arbeit immer wieder sehe

Stressessen ist keine Frage der Disziplin. Das ist das Erste, was ich meinen Klientinnen und Klienten sage, wenn sie mir von ihrem Muster erzählen. Fast alle kommen mit dem Glauben, dass sie einfach mehr Willenskraft bräuchten, andere kriegen es ja scheinbar auch hin mit den Anforderungen des Lebens umzugehen. Zusammenreißen sei die Devise. Dabei ist Stressessen eine erlernte Strategie, die irgendwann die einzig verfügbare war und genau das gilt es zu verstehen.

Und genau das macht es so hartnäckig. Stress ist kein vereinzelter Auslöser, wie ein einsamer Moment oder Augenblicke der Langeweile. Er ist für viele Menschen ein Dauerzustand und solange der Auslöser nicht weggeht, geht das Muster auch nicht weg.

Was hinter dem Griff steckt, ist fast immer ein Bedürfnis, das keinen anderen Ausdruck findet. Eine echte Pause, die man sich nicht erlaubt, weil sie sich nach Zeitverschwendung anfühlt. Erschöpfung, die schon so lange andauert, dass man gar nicht mehr weiß, wie sich echte Erholung anfühlt. Oder das Gefühl, in einem System funktionieren zu müssen, das keinen Raum lässt für das, was man wirklich braucht.

Was du jetzt tun kannst

Tipps wie „sei einfach weniger gestresst“ lasse ich an dieser Stelle bewusst weg, weil wir sie alle schon gehört haben und sie einfach nur frustrieren. Was ich meinen Klientinnen und Klienten stattdessen mitgebe:

Stressessen passiert selten im ersten Moment des Drucks. Es passiert, wenn der Stress schon so lange da ist, dass kein anderer Ausweg mehr sichtbar ist. Der Griff zum Essen ist dann keine bewusste Entscheidung mehr, er passiert einfach, fast automatisch.

Der erste Schritt ist nicht weniger essen, sondern verstehen, wie etabliert das eigene Muster bereits ist. Seit wann passiert das? In welchen Momenten genau? Wer sein Muster kennt, kann es wahrnehmen und das ist der Anfang jeder Veränderung.

Was dann folgt, ist das Schwierigste: früher innezuhalten. Nicht nach dem schwierigen Tag, sondern mittendrin. Eine echte Pause, bevor der Punkt erreicht ist, an dem das Fass überläuft.

Und schließlich, und das ist vielleicht der wichtigste Punkt, lohnt es sich zu fragen, ob das Problem wirklich bei einem selbst liegt.

Nicht jeder Stress lässt sich wegtherapieren.

Manchmal ist die ehrlichste Frage: Unter welchen Bedingungen lebe und arbeite ich gerade und wie viel davon ist wirklich unveränderlich? Wir leben in einer Zeit, in der uns KI und neue Tools versprechen, produktiver zu werden. Aber was passiert wirklich? Die Messlatte dessen, was wir von uns selbst erwarten, wird einfach höher gelegt. Mehr schaffen, schneller liefern, immer erreichbar sein. Das System fordert mehr, nicht weniger und das vergessen wir dabei ganz oft. Die eigene Stressresilienz in Frage zu stellen ist oft leichter als das System zu hinterfragen, in dem man funktioniert. Dabei wäre genau das manchmal der entscheidende Schritt.

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